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Denk-Bar: Selbstvertrauen aufbauen – vergessen Sie Mentaltraining

6. Juni 2016

Mentaltraining? Super! Besonders aus dem Sport hören wir immer wieder, dass Athleten mit Visualisierungs-Übungen und positiven Affirmationen große Erfolge erzielen. Das habe ich auch versucht! Immer wieder wollte ich meine Projekte stemmen mit ganz viel positiven Sätzen und guten Bildern. Doch geholfen hat es nichts. Doch jetzt kenne ich das Erfolgsgeheimnis.

Nach meinem Bandscheibenvorfall wollte ich meine Ängste überwinden, indem ich mir vorstellte, wie ich wieder ganz sicher eine Skipiste runterwedele, wie ich mich wieder voller Spaß rückwärts auf das Trampolin in unserem Garten plumpsen lasse, wie ich beim hohen Tempo einer Steppaerobic-Stunde im Fitnesscenter mithalte, wie ich selbstsicher die Reling eines Segelbootes entlanggehe – ohne Angst davor zu haben, blöd zu fallen und mir wieder wehzutun.

Mentaltraining? Gut für eine Popo-Landung

Hatten Sie schon mal einen Bandscheibenvorfall? Dann wissen Sie vielleicht, wie heftig diese Schmerzen sind. Und dass es die Angst vor einem wiederholten Vorfall ist, die die Patienten in eine Schonhaltung „zwingt“, was wiederum Gift für unsere Lebensfreude ist. Gut, ich hatte ja in den letzten Jahren viel gelesen und gehört über die Kraft der Gedanken und speziell des Visualisierens; doch trotz bester Absichten und vielen, vielen Affirmationen wackelte ich ein Jahr nach der OP wie eine alte Oma, festgekrallt am Arm meines damals siebenjährigen Sohnes, einen abschüssigen regennassen Kopfsteinpflasterweg in Kroatien hinunter, als es mir die Füße unter dem Körper wegzog und ich unsanft und heulend auf meinem Hinterteil landete. „Ich bin zu blöd zum Visualisieren!“, beschimpfte ich mich. Und auch in der Steppaerobic-Stunde, als ich hoch konzentriert alle Schritte mitmachen wollte, knallte ich vom Stepper und verletzte mich erneut.

Und dann habe ich die blinde Biathletin Verena Bentele kennengelernt. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie eine Blinde Biathlon machen kann – Langlauf und Schießen? Wie soll das gehen? Das Geheimnis besteht darin, dass die blinden Sportler einen (sehenden) Vorausfahrer haben, der ihnen genau die Strecke beschreibt, der exakt angibt, was kommt (Biegung links, Steigung, Biegung rechts, Senke), und dem sie hundertprozentig vertrauen müssen. Nun passierte es ihr 2009, dass sie – aufgrund eines Kommunikationsfehlers, wie sie es nennt – aus der Langlaufspur flog und sich schwer verletzte. Wochenlang lag sie im Krankenhaus, es war unklar, wie es mit dem Sport weitergehen könnte. Und das Schlimmste war, so erzählte Verena, dass sie kein Vertrauen mehr hatte in ihren Vorfahrer – und auch nicht mehr in sich selbst. Selbst den kleinen Hügel in München von der Theresienwiese hinunter konnte sie nicht mehr fahren.

Ich hörte ihr zu und dachte: „Tja, Sportler die haben doch die besten Trainer, auch Mentaltrainer, da muss sie halt einfach besser visualisieren.“ Aber was sie dann sagte, das haute mich um. Verena erzählte, dass sie nun wieder ganz klein anfangen musste mit dem Langlaufen. Eine Ministrecke fahren. Aufhören. Einen winzigen Buckel überrutschen. Aufhören. Und in ganz, ganz kleinen Schritten ging sie voran. In ganz, ganz kleinen Schritten baute sie ihr Selbstvertrauen wieder auf – bis sie 2010 fünfmal Gold bei Olympia holte.

Nicht Visualisieren und Mentaltraining baute ihr Selbstvertrauen auf, nein, es war das Tun. Das aktive Handeln in kleinen Schritten.

Wie erstarrt saß ich auf meinem Stuhl und erkannte die Sinnlosigkeit meines „Mentaltrainings“. Ich hatte mich in der Theorie wieder völlig fit gesehen, aber in der Praxis meinen Körper nach dem Bandscheibenvorfall immer überfordert. Nach dem Motto „Stell dich nicht so an – gleich ab auf die schwarze Piste“ und „Auf geht’s zur Steppaerobic“. Ganz oder gar nicht! Wenn schon, denn schon.

Völlig falsch. Und dann begann ich auch in kleinen Schritten das Vertrauen in meinen Körper wiederzufinden. Drei Minuten stehen auf einem Wackelbrett. Langlaufen in der Ebene statt in der Hügellandschaft. Und siehe da – es wurde jeden Tag besser, mein Selbstvertrauen stieg.

Und genau so ist es in unserem Leben, wenn wir Dinge verändern wollen. Machen Sie kleine Schritte, stemmen Sie kleine Herausforderungen. Die gute Botschaft dabei: Es ist egal, in welches Neuland Sie sich vorwagen. Denn jeder kleine Erfolg, egal auf welchem Gebiet, schenkt uns Selbstvertrauen auch auf anderen Gebieten. Beginnen Sie mit drei Minuten Gleichgewichtstraining auf dem Wackelbrett, dann turnen Sie irgendwann durch den Hochseilgarten und schließlich wechseln Sie Ihren Job.

Lernen Sie, für sich einzustehen. Sagen Sie morgen im Restaurant: „Nein, das Essen hat nicht geschmeckt.“ Dann sagen Sie in drei Tagen zu Hause: „Nein, lieber Sohn, deinen Hamster bringe ich heute nicht zum Tierarzt.“ Und in einer Woche sagen Sie endlich den Kollegen, dass Sie künftig nicht immer als Einzige das Meeting-Protokoll schreiben.

Wir trauen uns mehr, wenn wir mehr Selbstvertrauen haben! Suchen Sie sich deshalb immer wieder neue Herausforderungen – und stärken Sie damit Ihr Selbstvertrauen und Ihren „Geht-doch“-Mut.

Quelle: Geht ja doch! Wie Sie mit 5 Fragen Ihr Leben verändern, S. 135f.

Denk-Bar-Aufgabe dieser Woche:

Mit welchen Mini-Schritten können Sie diese Woche Ihr Selbstvertrauen stärken? Wo hat bei Ihnen Mentaltraining auch mal versagt und was hat geholfen? Oder: wo konnte Mentaltraining Ihnen den Weg ebnen?

Schreiben Sie Ihre Projekte und Ideen gerne hier als Kommentar. Und auch Mentaltrainings-Ideen, die Ihnen bei früheren Projekten gute Dienste geleistet haben. Wir freuen uns auf viele inspirierende Ideen!

Willkommen in unserer “wunderbaren Denk-Bar”.

Hier erhalten Sie jeden Dienstag einen Impuls zum Nach-Denken, Vor-Denken, Mit-Denken. Denn alles was denk-bar ist, kann mach-bar werden. Ihnen gefällt dieser Beitrag? Dann gerne in Facebook, Twitter & Co. über die untenstehenden Buttons teilen. Damit Sie sich gut eindenken können poste ich manchmal auch bereits am Montag.

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Alexandra

Hallo Cordula, wieder ein toller Artikel – vielen Dank – auch für das Ansprechen, dass Visualisieren und Mentaltraining nicht DIE Lösung ist. Auch ich hatte / habe damit Schwierigkeiten, egal ob es um Uni-Prüfungen, Vorträge, Steps im Job, im Privatleben, Begegnungen mit bestimmten Menschen oder auch „nur“ um die ersehnte Entspannung im längst überfälligen Urlaub ging / geht – es ist großteils anders gekommen. Das muss nicht unbedingt negativ sein, wenn ich eines Besseren belehrt werde und den Sinn erkennen kann bzw. die Situation für mich passender und stimmiger ist, alles gut. Nur was wenn nicht? Ich hab Schwierigkeiten mit… mehr »

Sabine

Wir sind bereits frei, völlig frei.
.. und können es meist nicht sein/sehen.
Was geschehen ist, ist bereits geschehen,
nicht daran festhängen, immer alles frei geben,
frei lassen,
wie könnte sich sonst etwas Neues, Frisches ergeben.
Es ist schon hinter sich gelassen, wenn es geschehen ist.

Ich bleibe auch immer wieder hängen und diese Motivationsgeschichten habe ich nie wirklich auch nur versucht.
Das bin ich nicht.
Und das was ich tue auch nicht.
Die Frage ist: Wer bin ich?

Hallo Cordula
Sie beschrieben hier in dieser kurzen Geschichte wunderbar die Fähigkeiten uns weiterzuentwickeln und helfen dabei zu erkennen dass das Selbstvertrauen wie ein MUSKEL auszubilden ist. Und JA. Dies ist möglich doch gebe ich gern zu bedenken, dass davor auch ein Selbstbewusstsein steht und noch fundamentaler Selbstwert (inkl Selbstmitgefühl!!) und der ESSENZ von allem, der Selbstliebe.
Mir scheint dass meist DORT „der Hund begraben“ liegt.
Denn das TUN ist toll doch fühlt es sich so an, als würde man Schmerzmittel verabreichen anstatt an die URSACHE des Schmerzes zu gehen?
Was meinen Sie?
alles Liebe Andreas

Felicitas

Da fällt mir doch das italienische Sprichwort ein „da dire a fare chè la mare“ (zwischen sagen und tun liegt das Meer)! Ich finde, für mich ist beides wichtig: mir möglichst genau auszumalen, wo es hingehen kann, beflügelt, üben, üben, üben gibt Sicherheit, Selbstvertrauen, Routine und ist die Basis zur „Meisterschaft“- die sind bekanntlich noch nie vom Himmel gefallen!
Und ja, kleine Erfolge ( auch die berühmten „kleinen Brötchen“) sind so wichtig, bemerkt zu werden!
Deshalb sind auch solch liebevolle, präzise wöchentliche Auffrischungen so ermutigend, liebe Cordula! Und weiter regelmässig den Rücken stärken…
LG Felicitas

Dorothea

Ich habe lange darüber nachgedacht.
Nun denke ich, dass sogar das Nichts-Tun, die Erholung, die Selbstliebe, wie Andreas schreibt,
GETAN werden müssen.
In meinem Gipfelpunt ( oder Tiefstpunkt – je nach Perspektive) meiner Erschöpfung habe ich -zig Bücher über Burnout und Selbstfindung und so zusammengetragen (zum Glück aus der Bücherei, so dass es keine Kostenexplosion gab). Sie alle haben mehr oder weniger den Tenor, Zeit für sich nehmen zu müssen.
Es nützt mir nichts, noch mehr Bücher zu lesen. Es nützt nur etwas, nun auch wirklich täglich diese Zeit zu nehmen und auch das wie in der Muckibude zu trainieren.

Was für ein interessanter Bericht! Aus meiner Praxis mit Patienten und auch aus meiner eigenen Lebensgeschichte, kann ich die Erfahrungen mit dem Aufbau des eigenen Selbstbewusstseins nur bestätigen. Ich hatte auch schon Unfälle, z.T. mit Frakturen, u.a. beim Mountainbike-Fahren. Danach musste ich mich zwingen, wieder aufs geliebte Rad zu steigen und bin anfangs nur im Schneckentempo an der Isar entlang geradelt. Nach und nach wurde es immer besser. Das Beste: ich habe dann einen Fahrtechnik-Kurs beim Alpenverein gemacht, viel dazu gelernt und bin nun viel sicherer – vor allem bergab! – geworden. Ich stelle fest, dass wir immer wieder Herausforderungen… mehr »