Botschaften, die ankommen: Das „Vier-Ohren-Modell“ von Friedemann Schulz von Thun

17. Juni 2018

Vergeuden Sie eine Menge Zeit, weil andere Menschen einfach nicht verstehen, was Sie wollen? Bitten Sie immer und immer wieder um Unterstützung – und der andere tut es dennoch nicht? Vielleicht liegt es daran, dass Sie und Ihre Mitmenschen einfach nicht die gleiche Sprache sprechen...

„Der Mülleimer ist ja schon wieder voll!“ sagen wir zu unserem Partner und kriegen ein schnelles „Ja“ als Antwort. Nur leider quillt am Abend der Mülleimer immer noch über. Warum nur kommt es uns häufig so vor, als würden wir gegen eine Wand reden? Wir bitten den Anderen um einen Gefallen und komischerweise bekommt er es nicht richtig mit. Wahrscheinlich hat er einfach keine Lust! Und mit Kritik ist es das Gleiche. Eigentlich wollen wir den anderen ja nur an den Mülleimer erinnern, aber der kriegt‘s natürlich gleich in den falschen Hals und geht an die Decke. Wieso ist das nur so kompliziert? Wir sprechen doch schließlich die gleiche Sprache! Oder nicht?

Der langjährige, mittlerweile pensionierte Psychologie-Professor Friedemann Schulz von Thun hat dazu das „Vier-Ohren-Modell“ entwickelt. Oft machen andere Menschen nicht das, was wir gesagt haben, weil sie sich auf einer anderen Kommunikationsebene befinden. Das kommt einer anderen Sprache manchmal schon sehr nahe. Der Sprecher kann mit vier verschiedenen „Schnäbeln“ reden, der Zuhörer hört mit einem von vier Ohren zu – daher der Name „Vier-Ohren-Modell“. Um erfolgreich und effizient miteinander zu kommunizieren, ist es praktisch, die „Vier Ohren“ im Kopf zu behalten.

  • SACHOHR: Auf der ersten, rein sachlichen Ebene hören wir mit dem Sach-Ohr die Aussage des Satzes. Dies ist die neutrale Botschaft, wenn man den Satz wortwörtlich nimmt. („Die Spülmaschine ist fertig.“) Und viele Menschen reagieren auch nur auf diese Aussage („Ja, stimmt.“) Das heißt, sie verstehen die möglicherweise hinter der Aussage versteckte Bitte nicht. Oder wollen sie nicht verstehen – weil das ihre Form des Nein-Sagens ist.

In der Regel hören die meisten Menschen jedoch tatsächlich mehr als nur diese sachliche Information. Entweder weil sie schon wissen, dass der Sprecher immer zwischen den Zeilen redet. Oder weil sie glauben, die eigentliche Botschaft liege hinter den Worten. Oftmals interpretiert der Zuhörer damit jedoch zu Unrecht etwas in das Gesagte hinein – seine bisherigen Erfahrungen mit ähnlichen Personen oder Situationen und seine momentane Stimmung beeinflussen, welcher Inhalt bei ihm ankommt.

  • SELBSTOFFENBARUNGSOHR: Mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr versucht der Hörer zu interpretieren, ob der Sprecher gute oder schlechte Laune hat oder ob er eine Aufgabe widerwillig übernimmt.
  • BEZIEHUNGSOHR: Mit dem Beziehungs-Ohr hören wir heraus, ob der Sprecher uns mag, ob wir ihn gestört haben oder ob er sich z.B. über unseren Anruf freut – auch wenn er von etwas ganz anderem spricht.
  • APPELLOHR: Mit dem Appell-Ohr hören wir (manchmal zu Unrecht), welche Aufforderung, welchen Appell, der Sprecher an uns richtet. (z.B. „oh ist mir heiß“ -> wir springen und machen das Fenster auf

Beherzigen Sie das Vier-Ohren-Modell künftig, wenn Sie um etwas bitten. Formulieren Sie Ihre Aufforderungen und Ihre Erwartungshaltung so klar wie möglich und so, dass das Sach-Ohr des anderen den Appell hört. Wenn Ihr Partner gerade auf das Sach-Ohr eingestellt ist, wird er den Appell in Ihrer Aussage „Der Mülleimer ist ja schon wieder voll.“ nicht hören. Sagen Sie besser: „Könntest Du heute bitte den Mülleimer ausleeren?“
Besonders beim Delegieren gilt: je präziser Sie Ihren Wunsch formulieren, desto zufriedener werden Sie am Ende sein. „Ich brauche das Schreiben heute um 15 Uhr.“ ist immer besser als „Das müsste noch erledigt werden.“

Viel Spaß beim Üben und viel Erfolg!

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Prof. Dr. Klenke

danke für diesen Blog-Beitrag – ich kenne das Modell schon lange – aber… man vergiss diese wichtigen Hinweise dann doch leider immer wieder in der Alltagshektik. danke für diese Erinnerung!
Und: ich finde, es ist hier klasse in Kürze auf den Punkt gebracht! danke!

Cordula Nussbaum

Gerne 🙂

Dimitra

Liebe Cordula, dieses Prinzip kenne ich schon lange und finde es toll, um schwierige Situationen gut zu analysieren – was habe ich oder mein Gegenüber evtl. überhört? Wie formuliere ich so, dass es „im richtigen Ohr“ ankommt? Problematisch finde ich die Umsetzung im Hinblick auf eine bessere Kommunikation BEVOR sie passiert. Ich kann mir noch so viel vornehmen, in der Realität laufen die Prozesse so schnell ab, dass ich die Ohren eben nur aus meinem jeweiligen Zustand heraus spitzen kann… Und anderen geht es genau so. Und das bedeutet, dass vor allem anderen das Selbst-Bewußtsein stehen muss – ich muss… mehr »

Cordula Nussbaum

Hallo Dimitra,
für mich das Wichtigste immer, dass wir uns immer und immer wieder daran erinnern, denn dann ist es leichter auch „in echt“ die Kommunikation anzupassen. Übung macht den Meister 🙂