Längere Arbeitszeiten – und wann ist Feierabend?

24. Oktober 2010

Zeit ist wertvoll, vor allem die mit der eigenen Familie. Doch leider kommt die häufig zu kurz, denn überlange Arbeitszeiten sind für zehn Prozent der Deutschen normal.

3,8 Millionen Deutsche arbeiten mehr als 48 Stunden pro Woche. Das ist das Ergebnis der Studie „Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt“ des Statistischen Bundesamtes. Da bleibt meist nicht mehr viel vom Abend mit den Kindern übrig. Wenn’s ganz schlimm kommt, geht sogar das Wochenende mit drauf. Natürlich trifft es nicht alle Berufsgruppen gleich. Am lockersten haben es Hilfsarbeitskräfte, Büroangestellte und kaufmännische Angestellte. Führungskräfte, Selbstständige und Landwirte ackern dagegen am meisten. Generell trifft es die Männer härter als die Frauen. Bei ihnen arbeiten 15 Prozent überlang, bei den Frauen sind es dagegen nur vier Prozent.

Trotzdem ist die durchschnittliche Arbeitszeit der Deutschen im internationalen Vergleich relativ niedrig. Die Deutschen arbeiten durchschnittlich 35,8 Stunden Voll- und Teilzeit pro Woche. Im Vergleich zu 1991 ist das zwar ein Rückgang von knapp acht Prozent, allerdings liegt das vielmehr daran, dass die Schere zwischen zu viel Arbeit und zu wenig Arbeit immer größer wird. Beide Entwicklungen sind problematisch, denn zu wenig Arbeit macht unzufrieden, zu viel Arbeit powert aus.

Je älter, desto länger.
Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wochenarbeitszeit. Während von den 15-24-jährigen nur knapp zwei Prozent länger als 48 Stunden pro Woche arbeiten, sind es bei den 65-74-jährigen satte 15 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass Führungskräfte tendenziell älter sind. Denn unter ihnen befinden sich wiederum 39 Prozent, die überlang arbeiten. Bei den übrigen Erwerbstätigen tun das dagegen nur acht Prozent.

Selbstständige arbeiten länger
Laut der Studie arbeiten Selbstständige sprichwörtlich „selbst und ständig“. Fast jeder zweite (47%) hat überlange Arbeitszeiten. Da trifft es die Arbeitnehmer längst nicht so hart: Nur gute fünf Prozent arbeiten überlang. Dieser Unterschied ist gravierend. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Freiberufler auch bei der Abend- und Wochenendarbeit vorne liegen. Die Hälfte arbeitet regelmäßig abends zwischen 18 und 23 Uhr, samstags sind es sogar mehr als die Hälfte (54%). Aber auch sonntags darf die Arbeit bei jedem fünften Selbstständigen nicht ruhen (21%). Arbeitnehmern bleibt dagegen viel mehr Zeit für die Familie: Nur jeder Vierte (24%) arbeitete 2009 abends, gut jeder Fünfte am Samstag (22%) und zwölf Prozent am Sonntag. Besonders bedenklich ist allerdings, dass die Arbeitszeit am Abend insgesamt deutlich zugenommen hat. Im Vergleich zu 1992 ist sie von 16 Prozent auf 26 Prozent gestiegen.

Aber wie lange hält dieser Trend noch an? Liegt es an den Unternehmen, in denen häufig der Grundsatz herrscht: „Wer abends als letztes geht, hat am meisten gearbeitet.“? Oder ist das Arbeitspensum tatsächlich so sehr gestiegen? Fakt ist, dass Zeit für uns selbst und die Familie essentiell ist, um bei der Arbeit frische Ideen zu bekommen und vollen Einsatz zu bringen. Wenn wir ausgebrannt sind, werden wir stur und denken nur noch eingleisig. Das macht die Zusammenarbeit nicht leichter und gute Entscheidungen werden so erst recht nicht getroffen. Hinzukommt, dass wir automatisch versuchen, unsere fehlende Freizeit irgendwie im Arbeitstag unterzubringen. Wir beschäftigen uns viel mehr mit anderen Dingen: in Facebook Fotoalben von Freunden durchklicken, Videos auf YouTube ansehen und unsinnige Rundmails schreiben. Vielleicht haben wir ja tatsächlich so viel zu tun, dass wir vor halb zehn nicht raus kommen. Vielleicht ist aber auch die Unternehmenskultur daran schuld, die denjenigen feiert, der am längsten bleibt – nicht denjenigen, der bei Feierabend seine Aufgaben erledigt hat.

Die Angst um den Job
Dazu passt auch eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse. Danach arbeitet jeder fünfte Arbeitnehmer mehr als gewöhnlich – aus Angst um den Job. Nicht, weil es so viel zu tun gibt, auch nicht, weil die Arbeit so viel Spaß macht. Allein, um sich den Arbeitsplatz ein bisschen mehr zu sichern. Eine Grundlage für gute Arbeit kann das nicht sein.
Natürlich bleibt da nicht viel freie Zeit übrig. 68 Prozent der Frauen und 71 Prozent der Männer finden, sie hätten zu wenig Zeit für die Familie.
Überlegen Sie sich daher, wie Sie Ihre Freizeit mit Ihrer Arbeit in Einklang bringen können. Sprechen Sie das Thema in Ihrer Firma an, wenn es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt. Häufig fühlen sich alle wie die Hamster im Laufrad, nur traut sich keiner rauszuspringen. Wenn Sie allerdings wissen, dass Sie damit auf taube Ohren stoßen, so suchen Sie nach kreativen Lösungen. Letzens habe ich einen Bekannten um 9 Uhr morgens in der S-Bahn getroffen. Er meinte, am Abend komme er sowieso nicht vor halb zehn aus dem Büro, deshalb würde er zumindest etwas später reinfahren, um noch gemütlich mit der Familie zu frühstücken. Auch so können Sie die Zeit mit der Familie gestalten: Wenn schon kein gemeinsames Abendessen, dann vielleicht ein gemeinsames Frühstück.

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