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Interview mit Christiane Nill-Theobald: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel!“

19. Mai 2014

Christiane Nill-Theobald ist Management-Coach und plädiert schon seit langem für eine Veränderung unserer Unternehmenswelt. Damit wir Leistung wieder genießen können und Spaß an der Arbeit finden. Wir kennen uns seit über drei Jahren und ihre Idee des „BurnOn“ ist heute aktueller denn je. Bei einer schönen Tasse Kaffee unterhielten wir uns über ihr neues Buch „Endlich wieder Montag„, die Kunst, weiterzubrennen und die neuen Chancen für Kreative Chaoten.

Christiane, Du stehst für „BurnOn“. Was meinst Du damit?

„BurnOn“ bedeutet das Etablieren von Begeisterung oder gar Faszination für die Mitarbeiter in einem Unternehmen. Die zentrale These von „BurnOn“ ist: „Kümmert euch um das Wiedererlangen von Zufriedenheit für eure Arbeit und nicht um das Verhindern des Ausbrennens“. Mit diesem Konzept soll die Zufriedenheit des Einzelnen mittels organisatorischer Veränderungen erhöht werden und wir steuern den Unzufriedenheitsfaktoren für Menschen und Unternehmen entgegen.

Welche Erfahrungen fließen in Deinem Buch ein?

Vierzehn Jahre in der freien Wirtschaft zuletzt in leitenden Positionen verschiedenster Couleur : Als Institutsreferentin in „Wissenschaft und Forschung“, Rechtsanwältin, Verlagsleiterin in der „Verlagsbranche“ und schließlich Partnerin und später Mitglied der Geschäftsleitung im Sektor „Unternehmensberatung“. Im Hinblick auf den Industriezweig bringe ich 12 Jahre Erfahrung in der „Energiewirtschaft “ mit. Ein knallharter Wirtschaftszweig, bei dem weibliche Führungskräfte dünn gesät sind. Als Führungskraft habe ich oft Missstände hinsichtlich Strukturen und Rahmenbedingungen ausmachen können. Mich wundert es wirklich nicht, dass wir in Deutschland so eine hohe Zahl an Ausgebrannten haben. Mich selber hat es ja auch erwischt – hartes Business ohne die entsprechende Wertschätzung. Das macht krank. Und jetzt, wo ich inzwischen als Management Coach in Deutschland unterwegs bin, muss ich feststellen: Es hat sich bislang wenig geändert!

Tun die Unternehmen zu wenig?

Die derzeitige Burnout-Prävention in den Unternehmen nützt meines Erachtens wenig, heuchelt aber viel vor! Denn selten wird wirklich an den Ursachen gearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass in der Regel der Mitarbeiter ALLEINE in die Verantwortung genommen und auf Entspannungstrainings, Stressresistenztrainings oder Ähnliches abgestellt wird. In diesen Trainings versucht man dann, den Mitarbeitern „ein dickeres Fell“ anzutrainieren. Aber Burnout ist keine Privatsache, sondern die Mitarbeiter sind oftmals die Symptomträger eines Systemfehlers ihrer Organisation. Der Patient ist auch das Unternehmen, das seine Human Resources sträflich vernachlässigt. Fehlerhaft und damit Quelle allen Burnout-Übels ist oftmals die Unternehmenskultur, die Führungspraxis oder die Personalentwicklungspolitik. Die Konzentration auf das Individuum reicht deshalb nicht aus.

Was ist zu tun?

Unternehmen können sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Deshalb gilt es, dass Unternehmen grundsätzlich Personalentwicklung anders denken, um die vielfältigen Herausforderung zu bewältigen: nicht mehr vertikal – die Karriereleiter nach oben – sondern horizontal, das heißt: ein Talente- oder Kompetenzmanagement auf wechselnden Ebenen. Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle ebenso wie Qualifizierungsangebote. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel! Das führt dann nicht nur zu loyalen und leistungsfähigen Mitarbeitern, es ist gleichzeitig auch die bestmögliche Burnout-Prävention.

In einem Kapitel beschreibst Du den Wert der Individualität und wie wichtig es ist, dass in den Betrieben das „Eigensinnige“ akzeptiert wird. Beispiel: die Unternehmensberaterin die ein Zugticket bucht, wenn sie konzentriert arbeiten will oder der klavierspielende Kollege. Kreative Chaoten sind ja oft sehr eigensinnig – und ecken in vielen Unternehmen damit an. Welchen Tipp kannst Du ihnen geben, um die Akzeptanz ihrer unkonventionellen Herangehensweisen zu fördern?

Ich rate hier jedem, das Gespräch mit seinem Vorgesetzten zu suchen. Im Prinzip sind wir hier beim Thema Flexibilität der Arbeitsmethoden angelangt. Flexible Arbeitszeiten kennt jeder und die sind inzwischen weit verbreitet und akzeptiert. Aber flexible Arbeitsmethoden? Was meine ich damit? Wir müssen endlich anfangen auf eine Art und Weise zu leben und zu arbeiten, die mehr Ganzheitlichkeit mit sich bringt. Das ist ja auch eine der Kernaussagen in meinem Buch. Die modernen Technologien, sprich das mobile Büro machen das ja auch möglich. Wir haben deshalb die Möglichkeit unseren Arbeitsplatz mitzugestalten. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen dem, was wir wollen und dem, was unser Unternehmen braucht. Und nun der Tipp: Um diese Flexibilität zu erreichen, sollten Sie natürlich (1) ihren bisherigen Wert für das Unternehmen demonstrieren, (2) Vorschläge machen, wie Sie ihre Vorlieben in die Arbeit integrieren und (3) Verheißungen machen, was durch Ihr bedürfnisgerechtes Arbeiten für das Unternehmen möglich wird. Eine sehr kluge Frau und äußerst erfolgreiche Kollegin gab mir selbst einst einen Verheißungssatz mit an die Hand: „XY, gemeinsam werden wir die XY-Wirtschaft zu Ihrer Spielwiese machen“.

Kreativ-chaotische Menschen sind an sich sehr schnell von etwas begeistert, brennen sehr schnell für neue Ideen. Und zwar für sehr viele Ideen. Da ist es schwierig sich zu entscheiden. Du schreibst „Fokussierung und Willenskraft“ sind nötig, um die Begeisterung in erfolgreiche Bahnen zu lenken. Wie können vor allem die Multi-Talente sich dazu motivieren?

Multi-Talente sind für mich hochintelligente Menschen, die aufgrund ihrer vielfältigen  Interessen, Fähigkeiten und den sich daraus ergebenden überquellenden Möglichkeiten oftmals nicht wissen, wo, wie und wann sie ihre Ziele realisieren sollen. Das führt oft zur Belastung, weil wir in unserer heutigen Gesellschaft von Spezialisierung, Expertentum und Zielorientierung leben. Für mich geht es deshalb in erster Linie darum, die Vielfalt dieser Menschen zu ordnen. Dies gelingt wunderbar durch verschiedenste Coaching Maßnahmen. Im Zentrum des Coaching stehen folgende Fragen: Was kann ich? Welche Fähigkeiten machen mir am meisten Spaß? Kann ich damit gutes Geld verdienen? Wie kann ich mich positionieren? Und ja: Wie kann ich mich spezialisieren? Dadurch wird dem Multi-Talent nicht die Vielfalt ausgetrieben, sondern der Vielbegabte bekommt ein Gespür dafür, dass es durchaus Differenzen hinsichtlich seines „Begabung-Blumenstraußes“ gibt. Wie bei normal Begabten auch, geht es darum seine Talente für sich und andere gewinnbringend und sinnstiftend ein- und umzusetzen. Und als Coach, der schon hunderte Klienten begleitet hat, weiß ich: Die Willenskraft erwächst aus der Fokussierung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie auch unseren Buch-Tipp zu Christiane Nill-Theobalds Buch „Endlich wieder Montag – Die neue Lust auf Leistung“

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Pia Henkel

Sehr geehrte Frau Nussbaum, Diese Interview hat mich sehr angesprochen. ich bin eine kreative Chaotin mit einem mir bereits mehrfach bestätigtem weitem Spannungsfeld. Nach Ihrem Test steht Wanda 14 Pkt an erster Stelle, gefolgt von Hanny und Marc jeweils 13 Pkt. Ich befinde mich in einer beruflichen Umbruchsphase – 16 Jahre habe ich intensiv in einer Eventfirma gearbeitet. Von anfänglich der Buchhaltungsarbeit – ich bin Industriekauffrau/ Steuerfachangestellte/ Bilanbuchhalterin – hin zum Gestalten, kreieren, verkaufen, durchführen von Events Bundesweit. Was mir Riesen Spass machte und ich darin sehr aufgeblüht bin. Eine tolle Tätigkeit. Seit 2 Jahren bin ich in der Ausbildung… mehr »

Cordula Nussbaum

Hallo Frau Henkel,

ich freue mich, dass Ihnen das Interview gefallen hat. Zu Ihrer Fragen „Haben Sie für mich einen Lösungsansatz?“: Nachdem ich Sie nicht kenne, wäre es aus meiner Sicht unseriös, Ihnen hier mal schnell Tipps zu geben. Allerdings ist das Geldverdienen natürlich ein sehr wichtiges Lebensthema. Meinem Buch „Bunte Vögel fliegen höher“ habe ich deshalb dem „Geldverdienen“ ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls mit Ihren vielen Talenten und großem Wissen alles gute für Ihre Zukunft,
herzlichst
Cordula Nussbaum

Cordula

P.S. Übrigens ist Ihre Frage auch genau eine der Fragen, die ich mit meinen Klienten im Coaching erarbeitet – wie können wir mit den Themen, die uns Spaß machen dann wirklich Geld verdienen. Wir denken dabei über die Positionierung nach, über das genaue Angebot, grenzen die Zielgruppe ein, sprechen mögliche Werbe- und Akquise-Maßnahmen durch und und und…..
Haben Sie das bereits in dieser Art für sich durchdacht?
LG
Cordula Nussbaum

Ich kann diesem Beitrag von ganzem Herzen beipflichten. Mein Ergebnis Burn – out – ausgebrannt als Kreative – Chaotin – „rechtshirnig dominiert „- es ist ein weiter Weg – sich aus dieser Position heraus richtig zu positionieren. Und die Hoffnung – dass sich in Unternehmen – also bis sich im großen etwas ändert beruht aus meiner Sicht schlicht weg auf der Selbsterkenntnis des Einzelnen… für sich zu brennen… statt als Ersatz dafür – für ein Unternehmen zu brennen. Dies bedeutet viel Mut – und dabei den richtigen Platz in einem Unternehmen zu finden. Oder eben den eigenen Platz in dieser… mehr »