Interview mit Lothar Seiwert über sein neues Buch „Ausgetickt“

Cordula Nussbaum und Lothar Seiwert

Lothar Seiwert gilt als DER Zeitmanagment-Experte. Schon lange vor der Euro-Einführung schrieb er seine ersten Bücher und erklärte, wie man sich und seine Aufgaben am besten organisiere. Er ist einer der allerersten Vertreter des klassischen Zeitmanagements mit den Strategien des Planens, Prioritätensetzens und der Erfolgskontrolle. Wir kennen uns seit vielen Jahren über unseren Speaker-Verband, die GSA, deren Präsident er zwei Jahre lang war und führten kurz nach Erscheinen seines neuesten Werkes „Ausgetickt“ unser Interview.
Lothar, mit Deinem neuen Buch „Ausgetickt: Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert“ schreibst Du ein sehr persönliches Buch, das völlig weggeht von Deinen bisherigen Ratgebern mit Übungen und Anleitungen für die Leser.
Wie leicht ist es Dir gefallen, die Leser so nah an Dich heranzulassen und den Experten hinter der Person Lothar Seiwert zurück zu stellen?
 
Das war zunächst nicht einfach, weil ich mich an ein neues Genre gewagt hatte: das Personality-Sachbuch. Und es war ein mutiger Schritt, weil ich hier auch viel Persönliches von mir erzählt und preisgegeben habe. Es stimmt alles so, wie es dort nachzulesen – oder im Hörbuch auch zu hören ist.
 

Viele Menschen vertrauen darauf, dass Erfolg Ihnen in den „Schoßfalle“ und Du gehst – meiner Meinung nach zurecht – gehörig ins Gericht, mit den (leeren) Versprechungen einiger Autoren, nur mit Wünschen alleine können man richtig viel erreichen.
 
Unser Bildungssystem ist ein Beispiel für unsere Wunschtraumgesellschaft. Wünschen statt Handeln ist auch die Devise bei der Altersversorgung oder bei der Personalentwicklung, im Gesundheitssystem wie in der Arbeitsmarktpolitik: Überall schwache Untertanen mit geringem Selbstwertgefühl, die brav dem System folgen, das sie mit großen Versprechen abhängig macht – aber nicht zum Erfolg führt. Überall große Wünsche, aber kleine Taten. Wer sich sich bei der Erfüllung der eigenen Wünsche nur an Gott, die Vorsehung oder an das Universum wendet und fleißig betet, fleht und wünscht, unterliegt einer Illusion. Ohne selbstbestimmtes Handeln können wir den Sachzwängen, in denen wir alle stecken, nicht entfliehen.

 Du beschreibst, wie Du Dein erstes Buch in den Markt gebracht hast und wie Du Dich selbst um die Auslandslizenzen bemüht hast. Viele Kreative Chaoten sind ja voller Ideen, scheuen aber den Weg, Nägel mit Köpfen zu machen und vertrauen lieber auf andere Menschen, die diese Ideen systematisch umsetzen. Wann hast Du selbst mal Dich – mit Erfolg – auf andere verlassen, die Deine Ideen in die Welt getragen haben?
 
Meine Devise und ureigenste Überzeugung lautet: Wer für seine (Verkaufs-)Erfolge nicht selber sorgt, hat sie nicht verdient! Oder: Wer sich auf andere verlässt, ist verlassen. In meinem Fall habe ich mich nie darauf verlassen, dass andere – etwa in den Verlagen –allein für meine Bucherfolge sorgen, sondern mich immer selber und proaktiv darum gekümmert, dass meine Bücher erfolgreich verkauft wurden oder in den Presse kamen. Und die erreichten Erfolge geben mir recht. So habe ich im Laufe der Jahre 5- bzw. 6-stellige (!) Stückzahlen an Büchern über Veranstaltungen oder direkt an Firmen selber verkauft. 

Mit Deiner Aussage „Zeitmanagement hilft nicht gegen die Stress-Krise unserer Gesellschaft“ und Deiner Forderung „Wir müssen alle Abschied nehmen vom Zeitmanagement“ greifst Du die Grundaussage meines Ansatzes für Kreative Chaoten auf, der bewusst von Anfang an über diese Methoden hinausging. Du schreibst „Es tut mir leid, ich habe mich getäuscht“. Ein mutiger Schritt, eine mutige Äußerung. Hast Du seither viel Kritik einstecken müssen von eingefleischten „Zeitmanagern“ oder sagen sie viel eher „Endlich noch jemand, der sich das aussprechen traut?“
 
Auf mein neues Buch „Ausgetickt: Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert. Abschied vom Zeitmanagement.“ hat es die ganze Bandbreite an Resonanz gegeben: Begeisterte Zustimmung, aber auch heftige, meist unsachliche Kritik, wie jeder z.B. bei Amazon.de nachlesen kann. Das war mir aber von Anfang an nicht nur klar, sondern sogar so beabsichtigt und von vornherein bewusst provokant konzipiert.
Du brichst in Deinem Buch eine Lanze für die Kreativen Chaoten – Du nennst die Vorteile des flexiblen Spontanseins, Du sagst der „FlexFlow“ sei für Dich genau der richtige Code für die Haltung der Welt gegenüber – welche Argumente kannst Du den Kreativen Chaoten noch mitgeben, von denen ja sehr viele unter dem Dogma der „Rationalen-Logischen“ leiden, weil „man“ so nicht sein dürfe?
 
Manche Menschen sehen die Welt mit anderen Augen als die meisten. Sie sehen viel mehr. Sie kommen zurecht, immer und überall und egal mit wem. Sie verstehen alle anderen, ohne unbedingt einverstanden zu sein. Sie finden sich in einer verwundeten, zerrissenen, zersplitterten, komplexen Welt zurecht, sie schwimmen im 21. Jahrhundert wie der Fisch im Wasser. Diese flexiblen, selbstbewussten Individualisten machen ihr Ding, aber dabei achten sie sensibel darauf, keinen Schaden für andere zu verursachen. Sie können von sich abstrahieren und die Folgen ihres Tuns sehen, sie wissen, was sie bewirken, und das ist ihnen nicht egal.

Können wir alle ein bisschen so sein? Es geht es uns dann sicherlich besser mit hoffentlich weitaus weniger Stress mit unserem Umfeld. „FlexFlow“ ist innerhalb des Erklärungsrahmens von „Spiral Dynamics“ ein Wertesystem, eine bestimmte Weltsicht, ein Entwicklungsstand, der hilft, mit der Komplexität und der Dynamik unserer Welt klarzukommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

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Ein Gedanke zu „Interview mit Lothar Seiwert über sein neues Buch „Ausgetickt“

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